Beitrag von Harald Künemund und Claudia Vogel

Altersgrenzen sind auf vielerlei Weisen - als Höchstaltersgrenze oder Mindestaltersgrenze - über gesetzliche Regelungen oder in Satzungen in unserer Gesellschaft präsent. Und sie sind in der Diskussion. Harald Künemund und Claudia Vogel geben einen differenzierten Überblick über die gesellschaftlichen Funktionen von Altersgrenzen und zeigen auf empirischer Basis am Beispiel der Veränderungen der Erwerbsquoten und der Erwerbsbeteiligung Älterer sowie der Beendigung ehrenamtlicher Tätigkeiten exemplarisch ihre Wirkungen. Dabei wird deutlich: Veränderungen von Altersgrenzen haben immer Konsequenzen auf verschiedenen Ebenen: sie ermöglichen oder verhindern Koordination und Planung, motivieren oder demotivieren, geben Zusammenhalt und Gleichbehandlung, können aber auch zu neuen sozialen Ungleichheiten führen oder bestehende verstärken. Bei jeder Veränderung, Einführung oder Abschaffung einer Altersgrenze sollte den sozialen Ungleichheiten besondere Aufmerksamkeit zukommen.

Altersgrenzen werden von unterschiedlichsten Seiten infrage gestellt und diskutiert. Manche betrachten sie als eine Form der Altersdiskriminierung und fordern ihre Abschaffung - wenn es z.B. um Höchstaltersgrenzen in Arbeitsverhältnissen per Gesetz, Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder Arbeitsvertrag geht oder wenn die Satzung einer Organisation z.B. die Ausübung einer bestimmten ehrenamtlichen Tätigkeit ab einem bestimmten Alter unmöglich macht. Andere wiederum betrachten sie als Heilmittel und fordern eine Anhebung von Altersgrenzen - etwa im Rentenrecht, um die Finanzierung der Rentenversicherung zu stabilisieren - oder die Einführung von Altersgrenzen in Bereichen der Gesundheitsversorgung - um Einsparungen im Gesundheitssystem zu erzielen.

Harald Künemund und Claudia Vogel betrachten die Diskussion differenziert und erläutern die gesellschaftliche Strukturierung der Lebensläufe durch Altersgrenzen und ihre verschiedenen Dimensionen. Altersgrenzen können eine Schutzfunktion ausüben - z.B. im Jugendschutz -, eine Orientierungsfunktion - bspw. bei der Planung des Ruhestandes oder der Personalkontinuität in Unternehmen, eine Legitimationsfunktion - z.B. zur Freistellung von Positionen ohne personenbezogene Begründung, eine Rationalisierungsfunktion - allgemeine Grenzen entlasten von der Einzelfallprüfung - oder auch eine Disziplinierungsfunktion - etwa zum Durchhalten im Beruf bis zum Erreichen der Altersgrenze.

Verändert man Altersgrenzen, werden alle diese Dimensionen berührt. Und: zwangsläufig und systematisch werden neue soziale Ungleichheiten zwischen Geburtsjahrgängen geschaffen, für die jeweils andere Altersgrenzen greifen. Allerdings: in einer Lebenslaufperspektive betrachtet werden im Prinzip alle betroffenen Individuen gleichbehandelt: Altersgrenzen diskriminieren theoretisch nicht zwischen Individuen, wenn alle Individuen ab einem bestimmten Lebensalter von gleichen Regelungen betroffen sind (z.B. dürfen alle ab 18 Jahren den Führerschein machen). In dieser Hinsicht unterscheidet sich das zeitveränderliche Merkmal "Lebensalter" fundamental von Merkmalen wie etwa Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft.

Dennoch haben Altersgrenzen unterschiedliche Auswirkungen, bspw. auf bestehende sozialstrukturelle Unterschiede zwischen Individuen. Dies zeichnen Harald Künemund und Claudia Vogel empirisch sowohl an der vieldiskutierten Altersgrenze zum Rentenbezug nach, als auch an den Altersgrenzen im freiwilligen Engagement.

Veränderungen der Altersgrenzen des Übergangs in den Ruhestand

Anhebungen der Regelaltersrente sind mit Verweis auf die steigende Lebenserwartung regelmäßig in der Diskussion, manchmal sogar eine direkte Koppelung an die Lebenserwartung. Aber: da die Lebenserwartung sozial ungleich verteilt ist, führt sie zu unterschiedlichen Rentenbezugsdauern. Zudem kommen berufs- und branchenspezifische Ausnahmen häufig vor oder das Geschlecht und die Gesundheit werden berücksichtigt. Der Beitrag gibt einen Überblick über gesetzliche Änderungen der Altersgrenzen der Rentenversicherung seit der Rentenreform 1992 und über die Entwicklung der Erwerbstätigkeit Älterer. Durch die Anhebung der Altersgrenzen des Rentenzugangs lassen sich schon jetzt neue soziale Ungleichheiten zwischen Geburtsjahrgängen einerseits, und eine Verstärkung bestehender Ungleichheiten - aufgrund sozial ungleich verteilter Lebenserwartung - andererseits, beobachten. Jenseits der intendierten Entlastungseffekte in der Sozialversicherung werden jedoch die Konsequenzen der Veränderungen der Altersgrenzen kaum untersucht.

Veränderungen von Altersgrenzen beim freiwilligen Engagement

Auch im Ehrenamt werden Altersgrenzen zunehmend diskutiert. Der Anteil ehrenamtlich Engagierter ist im Vergleich zu 1996 gestiegen, heute stehen deutlich mehr Ältere Engagierte und deutlich mehr zivilgesellschaftliche Organisationen vor der Frage, wie eine Beendigung des Ehrenamts im höheren Lebensalter gestaltet werden kann.

Der Freiwilligensurvey zeigt für Personen im Alter ab 65 Jahren, die früher einmal freiwillig engagiert waren, dass der am häufigsten benannte Beendigungsgrund war, dass die Tätigkeit von vornherein zeitlich begrenzt war (50,6%), und dass an zweiter Stelle der genannten Gründe "Es wurde eine Altersgrenze erreicht" (37,6%) folgte. Zieht man in der Analyse den höchsten Bildungsabschluss hinzu, zeigt sich, dass es bei den 70- bis 74-Jährigen Männern insbesondere jene mit geringer Bildung sind, die angeben, eine Altersgrenze im Engagement erreicht zu haben (16,4% gegenüber 6,9% mit hoher Bildung); bei Männern ab 75 Jahren sind es 15,5% bei niedriger und 13,1% bei hoher Bildung. Es ist anzunehmen, dass Altersgrenzen im Engagement auch sozial differenziert wirken und soziale Ungleichheiten verstärken können.

Die Ergebnisse aus beiden Bereichen zeigen: Altersgrenzen sind nicht unabhängig von sozialen Unterschieden zu sehen - sie können sozial differenziert zu unterschiedlichen Effekten - Vor- und Nachteilen - führen, die möglichst im Vorfeld durchdacht, untersucht und gegebenenfalls politisch flankiert werden sollten.


Harald Künemund und Claudia Vogel (2018): Altersgrenzen - theoretische Überlegungen und empirische Befunde zur Beendigung von Erwerbsarbeit und Ehrenamt.
In: Scherger, S. & Vogel, C. (2018): Arbeit im Alter. Zur Bedeutung bezahlter und unbezahlter Tätigkeiten in der Lebensphase Ruhestand, Springer VS, Wiesbaden, S. 75 - 97.
https://link.springer.com/book/10.1007%2F978-3-658-18199-4#toc