Stabilität und Wandel der Legitimation der deutschen Alterssicherung

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, wachsender sozialer Ungleichheiten, finanzpolitischen Belastungen und aufgeheizten Reformdebatten werden politische Entscheidungen im Bereich der Alterssicherung unter einem hohen Druck gefällt. Davon sind alle Akteur*innen der Rentenpolitik direkt betroffen. Damit politische Entscheidungen, Strukturreformen oder etwa Kommunikationsstrategien nicht nur technisch funktionieren, sondern auch gesellschaftlich Anklang finden, sind empirische Einblicke in die subjektiven Präferenzen und Bewertungen der Bürger*innen unabdingbar.

Das Forschungsvorhaben untersucht deshalb die individuelle Herausbildung und Veränderung von Präferenzen und Bewertungen des deutschen Alterssicherungssystems im Zeitverlauf. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die soziale Legitimation der Alterssicherung aus einem Zusammenspiel von Präferenzen und Bewertungen entsteht, die auf unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellungen beruhen. Diese werden als typische Profile modelliert, die sich zwischen Individuen unterscheiden und sich intraindividuell über die Zeit verändern oder stabil bleiben können. Im Zentrum steht die Analyse von Übergängen zwischen diesen Profilen sowie ihrer wechselseitigen Beziehungen.

So können wir beispielsweise Auskunft darüber geben, welche Paradigmen der Alterssicherung (etwa Egalität, Statussicherung, private Vorsorge, Solidarität) in den letzten Jahren präferiert wurden und zu welchen Zeitpunkten sie mit einer positiven oder negativen Bewertung des Äquivalenzprinzips einhergehen.

Im zweiten Schritt werden Veränderungen im beruflichen Status, Kontakte mit dem Rentensystem (z. B. Übergang in den Ruhestand oder Nutzung privater und betrieblicher Vorsorge) sowie die Zugehörigkeit zu bestimmten Berufsbranchen als zentrale Einflussfaktoren auf die subjektive Herausbildung von Präferenzen und Bewertungen betrachtet. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zum Verständnis der sozialen Legitimation der gesetzlichen Rentenversicherung, indem es zeigt, wie individuelle Erwerbsverläufe und Systemkontakte die Wahrnehmung und Bewertung der Alterssicherung prägen

Arbeitsprogramm und Untersuchungsmethode:

Die Grundlage für die empirischen Analysen bilden die Daten des Deutschen Alterssurveys (DEAS). Für die vorliegende Untersuchung werden die Wellen 2008, 2011, 2014, 2017, 2020/21 und 2023 genutzt, wodurch sowohl langfristige Entwicklungen als auch individuelle Veränderungen über einen Zeitraum von 15 Jahren analysiert werden können. Die Daten basieren auf einer repräsentativen Panelbefragung für die in Privathaushalten lebende Wohnbevölkerung Deutschlands in der zweiten Lebenshälfte und ermöglichen dadurch einen besonders guten Einblick in die Präferenzen und Bewertungen von Alterskohorten, die zu den aktuellen bzw. zeitnah zukünftigen Bezieher*innen der GRV zählen. Eine Skala mit insgesamt neun Items zu verschiedenen Paradigmen und Prinzipen der deutschen Alterssicherung wird mit Methoden aus dem Bereich der Latenten Klassenanalysen untersucht.

Für den ersten Schritt werden zunächst die Präferenzen und Bewertung mit Latent Transition Analysen (RI-LTA) modelliert. Durch diese Methode können individuelle Übergangswahrscheinlichkeiten zwischen Profilen von Präferenzen, beziehungsweise Bewertungen analysiert werden. Gleichzeitig lässt sich untersuchen, ob bestimmte Präferenz- bzw. Bewertungsprofilen im Zeitverlauf an Bedeutung gewinnen oder verlieren. Anschließend werden Präferenzen und Bewertungen in einem gemeinsamen Modell zusammengeführt. So können Zusammenhänge zwischen Präferenzen und Bewertungen zwischen zwei Erhebungswellen untersucht werden.

Für den zweiten Schritt werden erwerbs- und berufsbezogene Kovariaten in die Modelle integriert. Im Rahmen der Modellspezifikation wird geprüft, welche Kovariaten signifikante Effekte aufweisen und inwieweit ihre Einbeziehung zur Verbesserung der Modellgüte beiträgt. Insgesamt ermöglicht dieser Ansatz eine differenzierte Analyse der Kovariaten, sowohl hinsichtlich ihrer direkten Effekte auf Übergangswahrscheinlichkeiten als ihrer moderierenden Effekte auf die zeitlichen Zusammenhänge zwischen Präferenz- und Bewertungsprozessen.

 

Das Projekt wird gefördert vom Forschungsnetzwerk Alterssicherung (FNA).

Geplante Laufzeit: 10/2026 bis 09/2027

Beteiligte Personen und Kontaktdaten

 Oliver Platt
Oliver Platt
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Dr. Julia Simonson
Dr. Julia Simonson
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Dr. Laura Romeu Gordo
Dr. Laura Romeu Gordo
Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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