Interview |

Ein alternswissenschaftlicher Blick auf Doris Dörries Film „Frau Winkler verlässt das Haus“

Am 01. Oktober startete der neue Film von Doris Dörrie „Frau Winkler verlässt das Haus“. Der Film wird seitdem intensiv in den Feuilletons diskutiert, unter anderem geht es um die Rolle von KI und Robotern in der Pflege der Zukunft. Auch Kolleg*innen des DZA hatten die Gelegenheit, sich den Film anzuschauen und sich aus alternswissenschaftlicher Sicht Gedanken zu dem Film zu machen. In einem internen Interview ordnen Silke Migala und Frank Berner von der Geschäftsstelle für die Altersberichte der Bundesregierung das Gesehene ein.

Wie schauen Sie als Alternsforscher*innen auf den Film „Frau Winkler verlässt das Haus“?

Dr. Frank Berner: Der Film greift verschiedene Aspekte des Älterwerdens auf, mit denen viele Menschen sich in ihrem Alltag beschäftigen – sei es, weil sie selbst oder ihre Eltern in ein höheres Lebensalter kommen und vielleicht Unterstützung benötigen, sei es, weil sie über ihr eigenes zukünftiges Älterwerden nachdenken. Der Film bietet deshalb eine gute Gelegenheit, sich mit dem Älterwerden, mit Pflege und dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen und mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist der Film relevant, weil aufgrund des demografischen Wandels der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung immer größer wird und auch die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Zukunft deutlich ansteigen wird.

Frau Winkler wird pflegebedürftig, weil sie zu Hause stürzt. Ist dies ein realistisches Szenario?

Dr. Frank Berner: Für ältere Menschen, die in ihrer Beweglichkeit bereits stark eingeschränkt sind oder die demenziell erkrankt sind, sind Stürze tatsächlich ein großes Risiko für eine weitere Verschlechterung ihrer Situation. Es wird deshalb viel dafür getan, Stürze zu vermeiden, indem die Beweglichkeit und das Gleichgewicht trainiert werden und indem auf potenzielle Stolperfallen wie Teppiche aufmerksam gemacht wird. Menschen wie Frau Winkler, die motorisch und kognitiv ja zu Beginn kaum beeinträchtigt ist, haben in der Regel gute Chancen, selbst nach einem Sturz wieder auf die Beine zu kommen und auch wieder vollständig zu genesen. Eine Sturzverletzung, wie Frau Winkler sie erleidet, führt nicht immer dazu, dass jemand auf Dauer inkontinent wird und Inkontinenzmaterial benötigt. Frau Winklers negative gesundheitliche Entwicklung nach dem Sturz ist deshalb eher ungewöhnlich.

Ein zentrales Thema des Films ist das Verhältnis zwischen der pflegebedürftigen Mutter und ihrer Tochter Emi, die für die Pflege ihrer Mutter Verantwortung übernehmen will, dabei aber an ihre Grenzen stößt. Wie haben Sie die Darstellung dieser Situation wahrgenommen?

Dr. Silke Migala: Der Film beschreibt eine Situation, die weit verbreitet ist: Eine ältere Person braucht Unterstützung und Pflege und will zu Hause wohnen bleiben – aber die Angehörigen können die alltägliche Pflege vor Ort nicht oder nicht alleine übernehmen. Ende 2023 gab es rund 5,7 Millionen pflegebedürftige Menschen. Davon wurden 86 Prozent zuhause gepflegt, in den meisten Fällen auch von Angehörigen. Das ist dann oft herausfordernd für alle Seiten. Die pflegenden Angehörigen sind oft überfordert, wollen einerseits Verantwortung übernehmen, andererseits gibt es Spannungen zwischen den erwachsenen Kindern und ihren Eltern – dies alles ist ja im Film sehr gut beschrieben. Zudem ist es für viele pflegenden Angehörige schwierig bis unmöglich, Pflege und Erwerbstätigkeit unter einen Hut bringen, etwa aus zeitlichen Gründen oder weil sie an einem anderen Ort arbeiten. Auch hierum dreht sich ja der Film. Die Schwierigkeit, Pflege und Erwerbstätigkeit zu vereinbaren, ist ein Thema, zu dem das DZA intensiv forscht. Weil zwei Drittel aller Hauptpflegepersonen Frauen sind, trifft diese Vereinbarkeitsproblematik auch vor allem Frauen, und sie bringt neben der emotionalen und zeitlichen Belastung auch finanzielle Probleme mit sich. Im Film sorgt sich Emi über die Summe, die ein Update des Roboters kosten soll, während sie in ihrer eigenen Wohnung friert, um Heizkosten zu sparen. In unserer Forschung weisen wir regelmäßig nach, wie sich die Pflege von Angehörigen – wie gesagt: mehrheitlich durch Frauen – negativ auf ihre Arbeitsmarktbeteiligung und letztlich damit auch auf ihre finanzielle Absicherung im Alter auswirkt.

Welche Rolle spielen Robotik und künstliche Intelligenz in der Pflege?

Dr. Frank Berner: In dieser Hinsicht ist der Film zum Teil tatsächlich Science-Fiction. Menschenähnliche KI-Roboter wie Pawlowitsch sind in Deutschland bislang nicht Teil des Pflegealltags. Überhaupt gibt es derzeit noch keine Roboter, die solche komplexen Aufgaben bewältigen können, wie Pawlowitsch sie im Film übernimmt, wie z. B. die Küche aufzuräumen. Aus diesem Grund müssen im Film solche Roboter entweder animiert oder eben wie in „Frau Winkler verlässt das Haus“ von Schauspieler*innen dargestellt werden. Digitale Technik und immer häufiger KI wird in der Pflege bislang vor allem genutzt, um Pflegekräfte zu unterstützen: Zum Beispiel kann mit Hilfe von Exoskeletten die körperliche Belastung reduziert werden und die Pflegedokumentation kann mit Hilfe von digitalen Verwaltungssystemen vereinfacht und verbessert werden. Es gibt inzwischen auch viele digitale Anwendungen, mit denen die Sicherheit der älteren Menschen erhöht wird – etwa Sensoren, die erkennen, wenn jemand stürzt und die dann einen Alarm auslösen.

Roboter kommen in der Pflege noch wenig vor. In Pilotprojekten werden Roboter, manchmal auch menschenähnliche Roboter, entwickelt, die einzelne und klar abgegrenzte Aufgaben in der stationären Pflege übernehmen können, wie zum Beispiel Gegenstände anreichen, Gegenstände durch eine Pflegeeinrichtung transportieren oder – in diesem Punkt ist der Film gar nicht so ganz weit weg von der Realität – Vitalparameter erfassen und überwachen. Und dann gibt es die Roboter mit sozio-emotionalen und manchmal therapeutischen Funktionen, die bekanntesten sind hier die Robbe Paro und die niedlichen Kommunikationsroboter, die manchmal Robbie, Pepper, Emma oder Wilna heißen. Sie kommen vor allem zur Unterhaltung und zur Herstellung von Interaktion zum Einsatz.

Werden KI-Roboter in Zukunft in der Pflege eine größere Rolle spielen?

Dr. Frank Berner: Im Sommer 2026 fanden ja in Peking die Humanoid Robot Games statt, also die Olympiade menschenähnlicher Roboter. Wenn man gesehen hat, was Roboter dabei alles gemacht haben, bekommt man eine Ahnung davon, was in Zukunft vielleicht möglich ist. Die Roboter können inzwischen halbwegs Fußball und Tischtennis spielen, Boxen, Weitspringen und Saltos schlagen. Andererseits hat man dabei auch gesehen, was sie noch nicht können: Zum Beispiel können sie zwar schneller auf zwei Beinen rennen als der schnellste Mensch, aber sie können nicht bremsen. Auch die Fähigkeiten des Roboters Pawlowitsch im Film sind begrenzt, er hat Probleme mit der Feinmotorik der Hände und im Schnee geht er wegen der Kälte einfach aus. Aber die Möglichkeiten KI-basierter Technik entwickeln sich ja rasant: Bei den Sportrobotern ist es wahrscheinlich auch nur eine Frage der Zeit, bis sie aus vollem Lauf auch abbremsen können.

Bei allem technischen Optimismus kann man sich jedoch nicht vorstellen, dass die Interaktion mit einem technisch noch so weit entwickelten Roboter langfristig die emotionalen Beziehungen und die direkten Begegnungen zwischen Menschen ersetzen kann – und es ist auch die Frage, ob dies überhaupt wünschenswert ist. Im Film wird dieser Zweifel angesprochen, als Frau Winkler auf die Nachbarin trifft, deren Alltag mit der Hilfe von technischen Assistenten und KI bestens organisiert ist, die aber sehnsüchtig sagt, dass sie endlich mal wieder mit einem echten Menschen sprechen will. Technik kann im Alltag helfen und menschliche Unterstützung ergänzen, aber sie kann und soll menschliche Nähe nicht ersetzen.

Generell gilt in der Pflege in Deutschland der Grundsatz: Digitale Technik, ob KI-basiert oder nicht, soll die Pflegepersonen immer nur unterstützen, nie ersetzen – Pflege soll immer eine menschliche Interaktion sein. Im Film hat die Gesellschaft diesen Grundsatz offenbar aufgegeben, diese Vorstellung ist eigentlich viel gruseliger als die zukünftigen Möglichkeiten der Technik, die der Film aufzeigt.

Der Film thematisiert auch das Thema Sterbehilfe. Wie blicken Sie auf den Umgang mit dem Thema im Film?

Dr. Silke Migala: Das ist ein sehr komplexes und kontroverses Thema. In Deutschland ist der assistierte Suizid rechtlich noch nicht ausreichend geregelt, obwohl dies angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen geboten wäre. Die Debatte darüber ist derzeit etwas in den Hintergrund gerückt. Insofern ist es erfreulich, dass der Film überhaupt auf das Thema aufmerksam macht.

Im Film ist die Rede von einem sogenannten End-of-Life-Modus (EOL), der dem Roboter Pawlowitsch einprogrammiert ist und der im Fall von Frau Winkler unter zwei Bedingungen aktiviert wird: Die Vitaldaten verschlechtern sich stark und die Patientin artikuliert gegenüber dem Roboter ausdrücklich einen Sterbewunsch. Die Assistenz zum Suizid wird an den Roboter delegiert, der Frau Winkler das todbringende Mittel organisiert und sie bis zu ihrem Tod begleitet – so zumindest der Plan.

Vor dem Hintergrund der kontroversen Positionen und Argumente, die wir in Deutschland zum Thema „assistierter Suizid“ haben, ist es ein wenig irritierend, wie selbstverständlich im Film der roboter-assistierte Suizid als Lösung akzeptiert wird. Ein eher zaghafter Widerspruch von Emi gegen den EOL-Modus wird von der Betreuerin mit dem Argument abgetan, der Modus sei human- und volkswirtschaftlich sinnvoll. Und auch als Frau Winkler kurz Zweifel an ihrem eigenen Sterbewunsch bekommt, muss Pawlowitsch nur einmal insistieren und schon geht es weiter auf dem eingeschlagenen Weg. Es ist ein wenig schade, dass der Film die Handlung einfach in einer Gesellschaft verortet, in der der roboter-assistierte Suizid offenbar als eine sinnvolle Sache gilt und dass deshalb das Thema nicht differenzierter behandelt wird. Auf diese Weise zeichnet der Film das Thema letztlich doch sehr weich und läuft damit Gefahr, einseitig einer eher liberalen Sichtweise auf das Thema Sterbehilfe das Wort zu reden.

Das Interview führte Stefanie Hartmann, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

 


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