Anstieg der Altersarmut: unaufhaltsam oder vermeidbar?

Beitrag von Claudia Vogel & Harald Künemund

Altersarmut galt bis Ende des 20. Jahrhundert als quasi überwunden – u.a. ein Erfolg der gesetzlichen
Rentenversicherung. Seit einiger Zeit allerdings scheint diese positive Entwicklung rückläufig zu sein
und es wird kontrovers darüber diskutiert, ob und in welchem Ausmaß für die künftigen Älteren mit
einer Zunahme von Altersarmut zu rechnen ist. Claudia Vogel und Harald Künemund liefern in ihrem
Beitrag grundlegende Fakten für die Diskussion. Dabei wird sowohl die neuere Entwicklung der
Altersarmut in den Blick genommen als auch der Frage nachgegangen, wie es mit den Möglichkeiten
der Kompensation für geringere Alterseinkommen steht. Sie kommen zu dem Schluss, dass ohne eine
Gegensteuerung Altersarmut wieder zu einem gewichtigen gesellschaftlichen Problem wird und dass
es politischer Korrekturen bedarf, die den veränderten Lebensläufen von Frauen und Männern
Rechnung tragen. Sichere Arbeitsplätze mit individuell ausreichenden Erwerbseinkommen in einem
umlagefinanzierten Alterssicherungssystem bildeten die beste Basis, um Altersarmut für die breite
Bevölkerung zu vermeiden.

Personen, die nach Einbeziehung staatlicher Transferleistungen ein Einkommen von weniger als 60%
des Medianeinkommens der Gesamtbevölkerung haben, gelten als armutsgefährdet. Ein Blick in die
amtliche Statistik zeigt: Der Anteil armutsgefährdeter Personen im Alter ab 65 Jahren lag im Jahr 2015
bei 16,5%, er entsprach damit in etwa dem Anteil Armutsgefährdeter an der Gesamtbevölkerung
(16,7%) und lag lediglich geringfügig unter dem Anteil von 17,3% der 18- bis 65-Jährigen. Aber
Einkommensarmut hat in den letzten Jahren insbesondere bei Personen im mittleren Alter
zugenommen, die kurz vor der Rente stehen, damit gehen Armutsrisiken im Alter für die Zukunft
einher. Eine Zunahme der Altersarmut lässt sich aber auch schon jetzt an der wachsenden Zahl von
Empfänger/inne/n der Grundsicherung im Alter ablesen: betrug ihr Anteil im Jahr 2003 noch 1,7%,
lag er im Jahr 2015 mit 3,2% fast doppelt so hoch.

Für den Großteil der Rentnerinnen und Rentner stellen die Einkommen aus der gesetzlichen
Rentenversicherung den Hauptbestandteil ihres Einkommens dar, 90% aller Personen ab 65 Jahren in
Westdeutschland und 99% in Ostdeutschland beziehen eine gesetzliche Rente. Dagegen ist die
betriebliche Altersversorgung mit 21% im Westen und 2% im Osten kaum verbreitet. Jahr für Jahr sind
die Zahlungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung an Neurentnerinnen und -rentner niedriger
als die der Bestandsrentnerinnen und -rentner. Der durchschnittliche Zahlbetrag über alle Renten
betrug im Jahr 2015 für Männer 1034 Euro und 815 Euro für Frauen. Die Zahlbeträge für
Neurentner/innen im gleichen Jahr lagen dagegen im Westen bei 878 für Männer und 593 für Frauen
sowie im Osten bei 826 für Männer und 767 für Frauen, schon jetzt zeigen sich große
Niveauunterschiede in den Renten der verschiedenen Geburtskohorten.

Claudia Vogel und Harald Künemund zeigen, dass es viele, auch in Wechselwirkung stehende
Faktoren, die zu Einkommensarmut im Alter führen können, gibt: wer viele Jahre nicht oder nur
geringfügig beschäftigt war, unbezahlt oder schwarzgearbeitet hat verfügt i.d.R. nicht über
ausreichende Rentenanwartschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung. Auch frühe
gesundheitliche Einschränkungen, eine Migrationsbiografie, diskontinuierliche oder am
Sozialversicherungssystem vorbeilaufende Erwerbsbiografien, Phasen der Selbständigkeit,
Familienaufgaben wie Kindererziehung oder Angehörigenpflege sowie die Ausweitung des
Niedriglohnsektors sind verbreitete Ursachen für geringe Alterseinkommen. Und neben der
Einkommensarmut sind steigende Wohnkosten, höhere Krankenversicherungsbeiträge oder
Zusatzkosten aufgrund von Pflegebedürftigkeit Faktoren, die zu Altersarmut beitragen können.

Und wie ist es mit den Kompensationsmöglichkeiten für sinkende Alterseinkünfte bestellt? Inwiefern
es verschiedenen Personengruppen gelingen kann, die Absenkung des Rentenniveaus durch höhere
betriebliche und/oder private Altersvorsorge zu kompensieren, ist zurzeit eine offene Frage. Bekannt
ist, dass die Möglichkeiten hierzu sozial ungleich verteilt sind, anzunehmen ist, dass dies zu einer
zusätzlichen Zunahme der Ungleichheit im Alter führt. Zudem birgt die private Altersvorsorge nicht
unerhebliche Inflationsrisiken, deren Ausgleich i.d.R. keineswegs garantiert ist. Daneben erfolgen
auch private Transfers – Erbschaften und Schenkungen – sozial stark differenziert. In der Summe
besteht Armutsgefahr im Alter insbesondere, weil diejenigen, die aufgrund erwartbar geringer
Alterseinkommen am dringendsten einer Kompensation bedürften, am wenigsten dazu in der Lage
sind, ausreichend vorzusorgen.

Die gegenwärtige Alterssicherungspolitik scheint vor allem durch eine zunehmende Unsicherheit und
Ungleichheit für Teile der Bevölkerung gekennzeichnet. Dies birgt das Risiko gesellschaftlicher
Folgekosten – in Bezug auf die gesellschaftliche Partizipation, soziale Integration und die familialen
Beziehungen insgesamt. Produktive Tätigkeiten und familiäre Hilfeleistungen setzen Ressourcen –
auch eine materielle Absicherung – voraus, und auch bürgerschaftliches bzw. ehrenamtliches
Engagement erfolgt nicht voraussetzungslos.

Claudia Vogel und Harald Künemund gehen davon aus, dass – ohne eine Kurskorrektur in der
Alterssicherung – Altersarmut sich wieder zu einem wichtigen gesellschaftlichen Problem entwickeln
wird. Sichere Arbeitsplätze mit individuell ausreichenden Erwerbseinkommen in einem solidarischen
und umlagefinanzierten Rentensystem bildeten die beste Basis, um Altersarmut für die breite
Bevölkerung zu vermeiden.

Der komplette Beitrag zum Nachlesen:
Vogel, C. & Künemund, H. (2018): Armut im Alter. In: Böhnke, P. ;Dittmann, J. & Goebel, J.: Handbuch
Armut. Verlag Barbara Budrich, Opladen & Toronto, S. 144 - 153